Die ideale Landschaft hat die Künstlerin in Italien, vor allem, in der Toskana, gesucht und dort "Arkadien" gefunden, von dem jeder Künstler träumt. Das Ergebnis war eine Ausstellung in Florenz im Jahr 1977. In den frühen Arbeiten kann man die Künstlerin dem Tiroler Surrealismus zuordnen, der sich vom europäischen Surrealismus grundlegend unterscheidet, z.B. in der Wahl der Motive, die den Sagen und Mythen der Tiroler Gebirgswelt entnommen werden, zu denen sie mehr Beziehung hat als zu den Abgründen der Seele. In die sich der klassische Surrealismus hineinstürzt.   Eine Tirolerin kann ihren Ursprung nicht vergessen. Die Künstlerin entwickelte aber in der weiteren Folge einen höchst eigenständigen Stil, an dem sie sofort zu erkennen ist. Zugegeben, es ist nicht immer einfach, die Bilder zu verstehen. Man muß sich anstrengen. Aber man wird dafür auch belohnt. Die stilistischen und ikonographischen Mittel, das surreale Hilfswerkzeug, das stereotyp aufgeboten wird, all das dient zur Veranschaulichung geistiger Ideen und ideeler Werte, vor allem eines Zentralwertes, der das Leben glücklich und sinnvoll macht: der Liebe in all ihren Dimensionen.
       
  2) Dora Czell als Schülerin Anton Lehmdens, eines der 5 Hauptvertreter der Wiener Schule des phantastischen Realismus, an der Wiener Akademie der Bildenden Künste (1969-74)
  Anton Lehmden (1929 geboren in Neutra, Tschechien) war selbst Schüler von Albert Paris Gütersloh (145/50) und unterhielt mit Ernst Fuchs und Arik Brauer ein gemeinsames Atelier. Zwei Hauptthemen beherrschen seine Kunst: Die Greuel des Krieges und die damit verbundenen Schrecken für den Menschen. Damit aber kontrastiert er die Schönheit der Natur in meist apokalyptischer Stille. Ähnlich wie Max Weiler hat er eine Vorliebe für die lyrische Seite der chinesischen Landschaftmalerei.   Deshalb nimmt die Darstellung der unberührten Landschaft, oder der durch Naturkatastrophen veränderten Landschaft einen wichtigen Platz ein. In diesen Wiener Jahren begegnet Dora Czell dem Maler Manfred Wagner, der zu dieser Zeit bei Rudolf Hausner studiert. Er ist Vater ihres Sohnes Rafael.
       
  Die Diplomarbeit "Salige" - ein Meisterwerk des phantastischen Realismus
  Mit diesem Gemälde hat Dora Czell bei Professor Lehmden das Diplom für Malerei im Jahr 1974 erworben. Durch einen glücklichen Zufall konnte sie es aus dem Wiener Kunsthandel zurückerwerben. Das monumentale, quadratische Ölbild (123x123cm) lässt die Handschrift des Lehrers klar erkennen. Es ist nicht nur die kostbare altmeisterliche Technik, die bis ins letzte Detail ausgefeilt ist. Es ist auch der Bildaufbau mit dem unheimlich hohen Himmelshorizont, der etwa vie Fünftel der horizontalen Bildfläche einnimmt, der es als Bild der "wiener Schule" ausweist. Der "himmlischen" Welt gegenüber nimmt die "Irdische" einen verschwindend kleinen Teil ein. Sie wird aber in ihrer ganzen kostbaren Schönheit durch feinste farbliche Nuancierungen geschildert. Die weichen Hügel schwingen in immer neuen Ansätzen bis in unendliche Ferne, wo weiße Bergspitzen sich im Dunst der Atmosphäre auflösen. Und aus dieser so schönen und kostbaren Erde wächst in der Bildmitte, wie ein Denkmal, eine monumentale Frauengestalt heraus.   Modell und Inspiration war eine Bäuerin aus dem Schnalstal, in Südtirol, der die Künstlerin während bodenkundlicher Arbeiten ihrer Mutter, in "Unser Lieben Frau" im Schnals begegnete. Ihre Hände sind unter dem, in weichen senkrechten Falten, von der Schulter nach unten fließend, braunen Gewand verborgen, der Kopf mit einem weißen bäuerlichen Kopftuch rundum so eingeschlossen, dass der Bterachter unmittelbar mit diesem Gesicht und dieser "Person" konfrontiert wird. Selbst der Erde entwachsen, aber in Ihrer Größe in den Himmel hineinragend und so den ganzen Kosmos umfassend, mahnt sie mit ernster Miene die Bewahrung der Schöpfung ein. Ein leiser wehmütiger Ton liegt über dem Bild, die Gefahr der Apokalypse, die täglich über die Schöpfung hereinbrechen könnte. Die Reduktion der Farbpalette auf wenige Grundfarben (weiß, grau, blau und braun) zeigt den Einfluß des Lehreres Anton Lehmden.
  Es ist interessant, dass die Künstlerin bei der Wahl ihres Motivs "Salige", auf uraltes Kulturgut zurückgreifen konnte, das sich literarisch in den Tiroler Sagen und Legende erhalten hat.
  Und es ist auch gut verständlich, dass eine Tiroler Künstlerin, die mit dem europäischen Surrealismus in Kontakt gekommen ist, ihre Motive lieber dem Magischen und Mythischen in der Natur entnommen hat. Als der Tiefe der Seele (wie es dem klassischen Surrealismus eigen ist). Daher spricht man auch nicht zu Unrecht vom Tiroler Surrealismus.
   
  Die Distelfrau (1975 - 77). Öl / Lwd. (123x123cm) und Oliveto (1977 - 78) Öl / Lwd. (100x143cm) sind zwei weitere klassische Beispiele altmeisterlicher Technik.
 

Die Distelfrau, während der Schwangerschaft der Künstlerin entstanden und wohl auch ihre Gesichtszüge tragend, steht wie die "Salige" in der Mitte des Bildvordergrundes und blickt, blaue Distelzweige in den Händen haltend, dem Betrachter frontal in die Augen. Hinter ihr erstreckt sich eine von der Glut der Sonne verbrannte Tiefebene bis zum unendlichen Horizont, der sich im hellen Himmel auflöst. Die Erde ist braun verbrannt, als einzige Vegetation sind Distelzweige mit blauer Blüte übrig geblieben, in deren Nähe ein einsames weißes Schaf Nahrung sucht und sogar mit dieser kargen Nahrung das Ausreichen findet.

Es hat mit dem Wenigen, das die Erde hergibt, genug.

  Hinter der schwangeren Frau aber klafft bedrohlich ein schwarzes Loch wie ein Krater, Symbol der Bedrohung des noch ungeborenen Lebens. Das durch ihren Lehrer Anton Lehmden gewonnene Nahverhältnis zur Natur und zur Leidenschaft, zeigt ganz besonders auch das monumentale Ölbild "Oliveto". Die Künstlerin hat die italienische Natur- und Kulturlandschaft in zahlreichen Fußwanderungen und Radreisen kennen und lieben gelernt. Italien ist für sie Arkadien, dem sie Sehnsucht vieler Künstler gilt und gegolten hat, eine Sehnsucht, die, wenn sie in Erfüllung ging, in die glückseligen Worte gefaßt wurde: "Et in Arcadia ego - auch ich war in Arkadien". Dieser "arkadischen Landschaft" hat die Künstlerin eine Ausstellung in Florenz im Jahr 1977 gewidmet.
  3) Die Entwicklung der Künstlerin zu einem höchst eigenständigen Stil mit spezifischen Inhalten
  Diese Entwicklung ist für jeden nachvollziehbar, wenn er die "realistischen" Bilder der 70er Jahre mit denen aus neuerer Zeit vergleicht. Was fällt da auf? Einmal ist es Malerei auf Holzplatte und nicht auf Leinwand, wobei der dünne Farbauftrag, bedingt durch die Lasurtechnik, die Struktur des Holzes im Bild zur Wirkung kommen läßt. Anregend dafür dürfte die große Liebe der Künstlerin für die gotische Tafelmalerei Italiens sein, von der sie sich immer wieder neue Inspiration holt. Die Farbpalette ist unaufdringlich in der Farbigkeit, teilweise sogar ausgedünnt und durchgehend auf wenige Grundfarben reduziert. Kühle Farben dominieren und nur, wenn es um etwas emotional sehr wichtiges geht, erhält die Farbe Ihren vollen Körper und wird satt, z.B. wenn das Gefühl der Liebe ausgedrückt werden soll. Auch Blattgold kommt zur Anwendung, ein Hinweis auf den transzendenten, göttlichen Bereich. Immer wieder werden symbolische Zeichen gesetzt (eine oder mehrere Tauben, die Mondsichel und die Erntesichel, die Maske, das weiße oder schwarze Schaf, der Baum, ein Haus, ein Kirchtum).  

Es wird das Stilmittel der Bildvariation eingesetzt. Ein und dasselbe Thema wird immer wieder abgewandelt, einen Rosenkranzgebet vergleichbar, wie ein Autor tiefsinnig bemerkt hat, wo man auch durch ständige Wiederholung desselben Textes immer tiefer in das Geheimnis eindringen möchte. Der Bildaufbau ist stereotyp und zeigt häufig eine klare Abgrenzung des Vordergrundes vom meistens hohen Bildhintergrund.
All diese Stilmittel werden bewußt eingesetzt, um das Augenmerk nicht so sehr mehr auf die Landschaft, als auf die dargestellten Personen und Personengruppen zu, konzentrieren, die nicht als Individuen, sondern als Typen, als Träger und Vehikel geistiger Ideen fungieren und eingesetzt werden von der Künstlerin.

Sie "übertragen" das im Geiste Geschaute und Erfühlte - anschaulich gemacht durch die geschlossenen AUgen der handelnden Personen, für die Betrachter der Bilder, damit sie erkennen, was die Künstlerin aussagen will.

       
  4) Bei welchen AUGENBLICKEN des Lebens verweilt die Künstlerin immer wieder, um den Betrachter auf deren Bedeutung und Wichtigkeit hinzuweisen? Wenn man genau hinsieht und die Metaphern insgesamt addiert, geht es um e i n G r u n d t h e m a :  um die  L i e b e  im partnerschaftlichen und zwischenmenschlichen Bereich, um Außen- und Innenseiten dieser Liebe, ihre "Gestalten", in denen sie erscheint, die Augenblicke des Glücks oder Unglücks, die sie schenkt.
   
  a) Die  L i e b e  zwischen  M a n n  u n d  F r a u,
  dargestellt im Bildzyklus "Hochzeit des Lichts", "Hochzeit", "Vermählung", "Die weiße Taube". Der eigenartige Titel "Hochzeit des Lichtes" stammt aus der Essaysammlung von A. Camus "L'envers et l'endroit" (Licht und Schatten) und hat wohl auch zusammen mit surrealen Elementen die Ikonographie mitbestimmt: Mann und Frau wachsen als Adam und Eva zum Lebensbaum ineinander, wobei die Baumwurzel nicht auf der Erde steht, sondern im Himmel verwurzelt ist. Durch den Kern des Baumstammes dringt das Licht in Form eines Blattgoldstrahls auf Mann und Frau oder fällt in Form von Goldflocken herunter oder goldene Quadrate bedecken die Bekleidung des Mannes. Die "Lichtseite" gehört der Frau, sie trägt ein helles weißes, gelbes oder rotes Hochzeitskleid und weißen Schleier, die "Schattenseite" trifft den Mann, er hät wohl ihre Hand oder legt diese um ihre Schulter,aber er ist zur Gänze schwarz vermummt und sein Gesicht ist nicht sichtbar.  

Die Gliederung der Bilder "Vermählung" und "Maske" wird durch ein blattgoldenes Kreuz bestimmt. Im obersten Drittel sind die einander zugewandten Gesichter von Braut und Bräutigam wiederum im Hell-Dunkel-Kontrast. Während die "Personen" sonst immer geschlossene Augen haben, gehen der Braut die Augen auf, als der Bräutigam eine Maske über den Augen trägt. Im Bild "Hochzeit" verschmelzen Mann und Frau zu inniger Einheit. Diese Einheit wird durch das Feuer der Liebe, symbolisiert im roten Gewand der Frau und einem riesigen, feuerroten Brautstrauß, hergestellt.

Die Bilder "Die weiße Taube" variiern das Thema unter der Hinzufügung eines ikonographischen Symbols, der Taube, die auf das nackte Menschenpaar zufliegt. Das aus Blattgott gebildete Kreuz, das das Bild gliedert, öffnet sich über den Häuptdern von Mann und Frau zu einem goldenen oder schwarzem Kelch.

  Im Alten Testament wird die Braut mit einer Taube verglichen (Hoheslied 2,14 und 5,2), im NT ist sie Symbol für den Heiligen Geist. Bei den Kirchvätern ist die Taube ein Bild für Liebe, Reinheit, Treue und Unschuld.
  Bei diesen Darstellungen steht die Schöpfungsgeschichte mit Adam und Eva als leitendes Motiv im Hintergrund. Die paradiesische Liebe ist inspiriert vom Geist Gottes, der sie heiligt (Taube) und mit unvergänglichen Gaben (Gold) beschenkt. Sie ist für den gefallenen Menschen Objekt der Sehnsucht. Die Künstlerin "verweilt" bei ihr, um uns ihre Schönheit nahezubringen.
  In weiteren Bildzyklen werden bestimmte Seiten, "Qualitäten" dieser Liebe geschildert. Ein Paar steht einander zugewandt, die Frau legt ihren Arm um die Schultern des Mannes, oder auf dessen Schulter, immer ist die Frau der aktive Teil, der Mann zeigt dem Betrachter nur seinen Rücken.
  Schauplatz oder "Kulisse" im Hintergrund ist das Meer ("Am Meer"), das blaue Firmament mit der Mondsichel, oder eine surreale Gebirgsformation. Die Titel lauten: "Liebe", "Tausend Jahre". Solche Liebe läßt Mensch und Natur zu einer Einheit verschmelzen, ja läßt die Natur sogar die roten Farbtupfen der Liebe tragen, sie schenkt Geborgenheit und Sicherheit, sie möge ewig ("Tausend Jahre"). Solche Augenblicke mögen ewig bleiben.
   
  b) Die  F r e u n d s c h a f t  von  F r a u  zu  F r a u .
  Auch für die Darstellung dieser Liebe zeigt die Künstlerin Themenvariationen und sie verwendet auch hier die gewohnten ikonographischen Stilmittel (die weiße Taube, Blattgold) und "Schauplätze". Die Folge "Der Kuß" läßt die Wärme der Liebenden, die gleichsam zu einer Person verschmelzen, in der Kälte der verschneiten Winterlandschaft spüren. In den Bildern "Das Pelzchen" und "Im Wald" weist das Symbol der Taube auf Reinheit und Unschuld dieser Liebe hin und die Verwendung des Blattgoldes auf die Verwurzelung dieser Liebe im transzendenten, göttlichen Bereich. Ein Bild trägt sogar den Titel "Der neue Himmel", ein Hinweis auf die Apokalypse des Johannes, die besagt, daß es die Form der ehelichen Liebe in der jenseitigen Welt nicht mehr gibt. Die Bildmeditation erreicht einen Höhepunkt im Bild "Freundinnen". Die Komposition steigt in drei Etappen an.  

Im Bildvordergrund schläft, Kopf und Hand nach links ausgerichtet, eine Frau auf einem dunklen Erdhügel. Hinter ihr sitzt eine Frau, nach rechts blickend, den Kopf auf die Hand gestützt. Sie wacht. Ihr feuerrotes Kleid ist wie ein großer aufgebauschter Flügel über die Freundin gebreitet. Die Kompositon wird nach oben abgerundet durch einen sich nach oben kegelförmig verengenden zartgrünen Gebirgsstock, mit bizarren, schneebedeckten Gipfelzacken vor dem blauen Horizont. Dieses Bild stellt meiner Meinung nach kompositorisch, in der farblichen Nuancierung und im ideellen Gehalt ein Meisterwerk der Künstlerin dar. Man kann wahrlich sagen: "Verweile doch, oh Augenblick!"

  c) Die  F r a u  als  S c h u t z e n g e l  d e s  M a n n e s .
  In beschützender Funktion werden Engel schon in der Bibel genannt. Nach Mt.10,18 hat jedes Kind einen Engel im Himmel, nach Apg. 12,15, jeder Mensch. Bereits in der frühchristlichen Kunst gibt es Zeugnisse. Sie schauen vor äußerlich und geistigen Gefahren, sind Fürsprecher vor Gott und geleiten die Seelen der Verstorbenen in den Himmel. Unsere Künstlerin zeigt ihre Version des Schutzengels unter dem Titel "San Francesco sorretto da un angelo", in Anlehnung an das italienische Tafelbild von Orazio Gentileschi, das die Künstlerin in Rom gesehen und tief beeindruckt hat. Es ist das Gesicht der Frau, das uns auf den Bilderzyklen immer wieder begegnet ist, und ihr Blick beruhigt den Betrachter: bei mir ist man gut aufgehoben. Vor dem imaginären Himmel mit der blauen Lunasichel ragt der linke Flügel in wuchtiger Größe nach oben und nach unten, während sich der rechte Flügel nach unten zu einer schützenden Hand öffnet, auf der der Kopf des Mannes ruht.  

Das satte und warme Rot der Flügel betont die liebende Fürsorge. Der Körper des Schützlings ist nur schemenhaft angedeutet, seine braune Hautfarbe verliert sich in der dunklen Atmosphäre des Vordergrundes.

Dieses Bild zeugt von großer Harmonie und tiefer Empfindung. Mit diesem Bild wird auch das von der Künstlerin immer wieder behandelte Thema von der Rolle der Frau im mitmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich aufgegriffen. Mitinbegriffen ist dabei auch ein massiver Protest gegen die Erniedrigung der Frau zu einem sexuellen Lustobjekt, das zur Schau gestellt wird ("Bleeding Heart").


Dr. Georg Pirchner, Absam, Salzburg